Sommer und die Null


Gegen Dänemark bestritt Yann Sommer sein 50. Länderspiel. Statistisch gehört er schon heute zu den besten Schweiz Nationaltorhütern aller Zeiten. Durchschnittlich muss er in fast jedem zweiten Länderspiel keinen Gegentreffer hinnehmen – wie zuletzt auch gegen Irland nicht.

Vielleicht gibt es kein grösseres Kompliment für einen Torhüter, als dass sich Offensivleute von Weltruf mit seinen Bewegungsmustern, seinen Reaktionen und seinem Stil befassen. Yussuf Poulsen, der Stürmer des dänischen Nationalteams und von RB Leipzig in der deutschen Bundesliga, hatte dies im Fall von Yann Sommer getan. «Ich kenne ihn aus der Bundesliga und verbringe viel Zeit damit, Torhüter zu analysieren, was sie in gewissen Situationen machen, in welche Ecke sie sich werfen», sagte Poulsen nach dem 1:0 der Dänen gegen die Schweiz. Den entscheidenden Treffer erzielte selbstredend Poulsen in einem 1:1-Duell gegen Sommer: «Ich war mir ziemlich sicher, was ich machen musste.»

Sommer war in diesem Duell ohne Abwehrchance – und er musste einen seiner seltenen Gegentreffer im Nationaltrikot hinnehmen. Denn der Keeper von Borussia Mönchengladbach, der gegen Dänemark zum 50. Mal in der Schweizer Auswahl Schlussmann war, gehört statistisch zu den Besten der Geschichte. In Sachen Gegentreffer wird er nur von einem aus dem Kreis jener Nationaltorhüter geschlagen, die wie er 50 oder mehr Länderspiele bestritten haben: Pascal Zuberbühler kommt mit durchschnittlich 0,63 Gegentoren in seinen 51 Länderspielen auf einen noch besseren Wert als Sommer (0,76 Tore pro Spiel in ebenfalls 51 Länderspielen).

Noch zwei bis Benaglio

Alle anderen, die Sommer schlagen, waren nie die klaren Nummern 1 im Schweizer Tor. Den Bestwert weist Fabio Coltorti aus (0,375 Tore pro Spiel in acht Einsätzen), gefolgt von Marco Wölfli (0,45 Tore pro Spiel in elf Einsätzen) und Stephan Lehmann (0,71 Tore pro Spiel in 14 Einsätzen). Lehmann, der wilde Keeper mit den langen Haaren, ist auch der ungekrönte König der „Shut-Outs“ im Nationalteams. In seinen 14 Länderspielen hat er sieben Mal zu Null gespielt, im Durchschnitt also in jedem zweiten Spiel.

Yann Sommer folgt in dieser Statistik auf Rang 2. Alle 2,22 Spiele bleibt er ungeschlagen, in mittlerweile 51 Länderspielen totalisiert er 23 „Clean Sheets“, also Spiele ohne Gegentreffer wie zuletzt beim 2:0-Heimsieg gegen Irland. Damit ist Sommer auf dem besten Weg, den Leader in dieser Wertung zu überflügeln. Diego Benaglio musste in total 25 Länderspielen nicht hinter sich greifen.

Natürlich liefern statistische Werte nur einen Anhaltspunkt für die Qualität eines Torhüters, gerade in der heutigen Zeit, in der weit mehr Skills gefragt sind als einfach „nur“ sein Tor rein zu halten. Sommer gehörte im Spiel in Dänemark als hinterster Mann gefühlt zu den Spielern mit den meisten Ballkontakten. Als Keeper modernster Prägung ist er längst der elfte Mitspieler und beileibe keiner, der einfach hinten warten, bis es wieder Handarbeit gibt.

Das schnelle Ende

Und trotzdem ist es natürlich kein Zufall, dass jene Keeper mit den meisten Länderspielen auch die besten statistischen Werte ausweisen – oder umgekehrt, im logischen Schluss. Gleichzeitig sind die höchsten Niederlagen in der Schweizer Länderspielgeschichte oft direkt mit dem Schicksal der jeweiligen Torhüter verknüpft. 1909 wurde Josef Ochsner vom FC La Chaux-de-Fonds in seinem zweiten Länderspiel nach dem 0:9 gegen England in Basel nie mehr aufgeboten, 1911 ereilte Karl Weilenmann vom FC Zürich bei seinem einzigen Länderspiel, dem 0:9 gegen Ungarn, dieselbe Konsequenz. Der Zürcher hält so den unrühmlichen Rekord der meisten Gegentreffer pro Länderspiel. Ernst Maurer vom BSC Young Boys ging es nicht viel besser. 1912 bestritt er seine einzigen zwei Länderspiele, nach einem 1:4 gegen Frankreich und einem 2:9 gegen Belgien (also 13 Gegentore später) war seine internationale Karriere schon wieder beendet. Auch Kurt Stettler vom FC Basel wurde 1963 nach einem 1:8 gegen England nicht wieder aufgeboten, René Schneider vom Servette FC durfte nach dem 0:8 bei seinem Debüt gegen Ungarn 1959 immerhin noch drei weitere Male im Schweizer Tor stehen. Aber für die ganz grosse Karriere im Nationalteam reichte es ihm nicht.

Grosse Namen, schlechte Quoten

Die Kunst ist auch beim Torhüter die Konstanz und die Beständigkeit. Und natürlich ist jeder ein wenig von den aktuellen Gegebenheiten, seinen Mitspielern und der allgemeinen Erfolgsausbeute des Teams abhängig. Erich Burgener etwa ist noch heute der Torhüter mit den meisten Länderspielen. In seinen 64 Länderspielen erhielt er indes 82 Gegentore und nur in 15 Spielen blieb er „sauber“. Er hatte das Pech, trotz starken individuellen Qualitäten, in einer weitgehend erfolgsfreien Generation Nationaltorhüter zu sein.

Auch andere grosse Torhüter, an die man sich heute noch erinnert, weisen keine Notenblätter aus, die der Heroisierung, die ihnen dannzumal gewiss war, entsprechen würden. Mario Prosperi, Erwin Balabbio, Hans Pulver, Charly Elsener, Eugène Parlier, Charles Pache oder Frank Séchehaye haben allesamt durchschnittlich mehr als einen Gegentreffer pro Spiel kassiert, die meisten sogar über zwei. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass der Fussball damals weit weniger strukturiert, taktisch offener und klar offensiver ausgerichtet war und dass heute generell weniger Tore fallen. Aber es gilt heute wie damals: wer hinten nichts anbrennen lässt, hat eine gute Basis, die Spiele vorne zu entscheiden.

Die Schweizer Nationaltorhüter im statistischen Vergleich
Länderspiele Gegentore Gegentore pro Spiel Shut-Outs Shutout alle x-Spiele
Diego Benaglio 61 50 0,82 25 2,44
Yann Sommer 51 39 0,76 23 2,22
Pascal Zuberbühler 51 32 0,63 18 2,83
Marco Pascolo 55 46 0,84 17 3,24
Erich Burgener 64 82 1,28 15 4,27
Martin Brunner 36 39 1,08 9 4,0
Karl Engel 26 21 0,81 9 2,89
Mario Prosperi 21 25 1,19 7 3,0
Stephan Lehmann 14 10 0,71 7 2,0
Erwin Ballabio 27 50 1,85 6 4,5
Stefan Huber 16 10 0,625 6 2,67
Hans Pulver 22 29 1,32 6 3,67
Karl Elsener 34 56 1,65 5 6,8
Marco Wölfli 11 5 0,45 4 2,75
Roman Bürki 9 7 0,78 4 2,25
Fabio Coltorti 8 3 0,375 3 2,66
Frank Séchehaye 37 91 2,46 2 18,5
Willy Huber 16 30 1,875 2 8,0
Renato Bizzozero 19 44 2,3 1 19,0
Eugène Parlier 21 44 2,1 0 0,0
Charles Pache 17 56 3,29 0 0,0
Berücksichtigt sind nur Nationaltorhüter mit mind. acht Länderspielen (Reihenfolge nach Anzahl Shut-Outs)

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