Vom Punkt


Sehr selten deutet die finale Entscheidung eines Penaltyschiessens darauf hin, dass ein Fussballteam in den 90 plus 30 Minuten zuvor mit letztem Risiko den Sieg gesucht hätte. Wer dann am Ende davon spricht, die Ausmarchung vom Punkt sei ja nichts anderes als eine „Lotterie“, der ist in einem gewissen Mass auch selber Schuld, dass er nicht schon vorher ein wenig mehr Mut gezeigt hat. Exemplarisch für dieses Szenario waren die Holländer in ihrem WM-Halbfinal gegen Argentinien. Und die Argentinier in ihrem WM-Halbfinal gegen die Holländer. Es waren beide Teams, die zu später Stunde die Einschlafquote auf dem alten Kontinent rund um Mitternacht ins Unermessliche schnellen liessen. Die Holländer, die einst den Begriff des „Total foetbal“ geprägt hatten, die stets den Weg nach vorne suchten (und oft damit auch ins Verderben liefen), sie verschrieben sich nach einer durchaus flüssigen Vorrunde in den Ausscheidungsspielen dem Nichtstun.

Louis van Gaal, selbsternannter Welttaktiker und Schlaumeier, legte sein Team in Fesseln. Die offensive Dreierreihe sollte es alleine richten, doch sich darauf einzustellen, war keine grosse Kunst. Im Achtelfinal ging das nochmals gut, als man in der Schlussphase gegen Mexiko das Geschehen mit späten Toren nochmals wenden konnte. Im Viertelfinal gings schon fast schief, als man Costa Rica die Chance erlaubte, sich im Elfmeterschiessen weiter auf der Sensationswelle zu bewegen. Mit einer gehörigen Portion Unsportlichkeit des Sekunden vor Ablauf der Verlängerung noch eingewechselten Ersatztorhüters Krul brachte man die Mittelamerikaner aus dem Gleichgewicht. Van Gaal klopfte sich trotzdem auf die eigenen, breiten Schultern und genoss, dass nun plötzlich er mit seinen Wechselideen als Vater des Erfolgs gefeiert wurde und nicht mehr seine Fussballer. Diese spielten im Halbfinal dermassen uninspiriert und freudlos, dass man den Eindruck gewinnen konnte, man überlässt die entscheidenden Aktionen wieder dem herrischen Mann an der Seitenlinie. Dem fiel diesmal jedoch auch nichts mehr ein – und auf dem Platz war keiner, der ob all den taktischen Vorgaben noch ein Stück individuelle Freiheit bewahrt hätte.

So also verpassen die Holländer, die dreifachen „Vize“-Weltmeister, in diesem Jahr den Final und spielen nun am Samstag gegen Brasilien um des „Kaisers Bart“, wie Arjen Robben sagte. Der Bart ist in etwa so viel wert wie unsere „goldene Ananas“. Die Brasilianer werden sich bis dahin nur vielleicht vom 1:7-Debakel gegen Deutschland erholt haben. Ihnen kann man nicht vorwerfen, dass sie in ihrem Halbfinal nichts unternommen hätten. Sie stürmten so leidenschaftlich los, dass hinten nach dem 0:1 alle Dämme brachen. Das ist natürlich auch nicht der fussballerischen Weisheit letzter Schluss, aber es ermöglicht wenigsten spektakuläre Spiele wie jenes von Belo Horizonte, das in die Geschichte eingehen wird. Irgendwie ist einem das einfach ein bisschen lieber…

Tot ziens, Hollland.

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